Die 8 Sekunden Aufmerksamkeitsspanne – Gibt es sie wirklich?

#E-Learning Trends
04.05.2017

Im Frühling 2015 hat Microsoft Canada eine interessante Studie veröffentlicht, die schnell in aller Munde war. So berichteten nach kurzer Zeit u.a. Quellen wie die Time, The New York Times und The Telegraph. In dieser Untersuchung hat Microsoft sich mit der sogenannten „attention span“ beschäftigt, d.h. der jeweiligen Zeitdauer, in der sich ein Mensch durchgehend konzentrieren kann.

Microsofts Bericht

Im Laufe des Report stellen die Autoren folgende Zahlen vor: Gemäß der eigens durchgeführten Studie, welche aus einer quantitativen Online-Befragung und neurologischen Untersuchungen bestand, hat die durchschnittliche Dauer der Aufmerksamkeit des Menschen von 12 Sekunden im Jahr 2000 auf 8 Sekunden in 2013 abgenommen. Dieser Bericht erlangte vor allem solch eine große Aufmerksamkeit wie oben beschrieben, da ein drastischer Vergleich gezogen wurde: Angeblich sollen Goldfische nämlich eine Aufmerksamkeitsspanne von 9 Sekunden haben und sind dem menschlichen Gehirn somit angeblich aufmerksamkeitstechnisch überlegen. Schnell titelten Berichte mit „You Now Have a Shorter Attention Span Than a Goldfisch“ oder „Humans have shorter attention span than goldfish, thanks to smartphones“.


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Der letztgenannte Titel reißt bereits die von Microsoft genannte Erklärung an: Diese behaupten nämlich, dass sich das Gehirn an die ansteigend digitalisierte Umwelt anpasst, was anscheinend zu einer reduzierten Aufnahmefähigkeit führt.

Verschiedene Arten der Aufmerksamkeit

Microsoft basiert seine Untersuchung auf dem akademischen Rahmenmodell von Sohlberg und Matter, welches drei Arten von Aufmerksamkeit unterscheidet:

1. Kontinuierliche Aufmerksamkeit

Diese wird vor allem benötigt, wenn eine anhaltende Konzentration für sich wiederholende Aufgaben benötigt wird.

2. Selektive Aufmerksamkeit

Bei dieser Form der Aufmerksamkeit soll die eigene Konzentration vor Ablenkung geschützt werden, sodass die eigene Leistung konstant aufrechtgehalten wird.

3. Wechselhafte Aufmerksamkeit

Diese Aufmerksamkeit erlaubt dem Gehirn konzentriert zwischen verschiedenen Aufgaben zu wechseln, welche höchst wahrscheinlich auch noch unterschiedliche kognitive Fähigkeiten erfordern.

Ergebnisse

Im Folgenden fassen wir kurz einige der jeweiligen Ergebnisse zusammen:

Die kontinuierliche Aufmerksamkeit korreliert negativ vor allem mit

  • Dem Volumen des jeweiligen Medienkonsums
  • Der Social Media Verwendung
  • Dem Multi-Screening Verhalten
  • Und der Aneignung von Technologie

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Daraus folgert Microsoft, dass ein jeweils steigender Wert dieser Tätigkeiten die kontinuierliche Aufmerksamkeit sinken lässt.

Bzgl. der selektiven Aufmerksamkeit beschreibt Microsoft, dass die Geräte, die einerseits helfen Aufgaben effektiv zu bewältigen, wie z.B. PC und Tablet, anderseits vielzählige Ablenkungen schaffen können, die die selektive Aufmerksamkeit negativ beeinträchtigen. Einer der größten Ablenkungen stellt hier u.a. Messaging bzw. Chatten dar. Die Studie besagt außerdem, dass die selektive Aufmerksamkeit umso stärker sinkt, je mehr Screens (z.B. Smartphone, Tablet und PC) genutzt werden.

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Die wechselhafte Aufmerksamkeit ist die einzige Aufmerksamkeitsform die laut Microsoft durch digitale Verhaltensweisen (wie oben beschrieben) verbessert wird. Vor allem Multi-Screening sorgt dafür, dass die Multitasking-Fähigkeit der Anwender verbessert wird. Außerdem soll ebenfalls die emotionale Verbindung sowie die Festigung im Gedächtnis unterstützt werden.

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Den kompletten Report können Sie hier finden und ausführlich lesen.

Sind Goldfische wirklich aufmerksamer als wir?

Nun jedoch zu dem Grund, wieso dieser Artikel eventuell etwas skeptisch geschrieben klingt. Durch einen interessanten Artikel von Patti Shank sind wir auf die Fährte gekommen, ob das neue Phänomen der „8 Seconds Attention Span“ wirklich wahr ist. Und so haben auch wir uns auf die Suche nach der wahren Quelle gemacht:

Microsoft verweist in seinem Bericht auf die Statistikquelle von statisticbrain. Diese wiederum basieren Ihre Angaben auf Weinreichs, Obendorfs, Herder und Mayers Artikel „Not Quite the Average: An Empirial Study of Web Use“. In diesem Bericht wird jedoch kein einziges Mal der Wert 8 Sekunden mit der Aufmerksamkeitsspanne des Menschen in Verbindung gebracht. Ebenfalls merkwürdig ist, dass gemäß statisticbrain die Daten im Juli 2016 erhoben wurden, obwohl die Microsoft Studie bereits im Jahr 2015 veröffentlicht wurde.

Wir möchten hiermit nicht den kompletten Beitrag von Microsoft in Frage stellen, da definitiv einige interessante Faktoren untersucht wurden. Lesen Sie sich dafür gerne den gesamten Artikel durch. Die fragwürdige Behauptung einer 8 Sekunden kurzen Aufmerksamkeitsspanne und den noch fragwürdigeren Vergleich mit einem Goldfisch wollen wir jedoch lieber kritisch betrachten.

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